Allein die Vorbereitung auf diese Interviews war eine Herausforderung. Nochmal so tief in das dunkelste aller Kapitel Deutschlands einzutauchen. Bilder, die man kennt, seit man denken kann. Gesichter, die man nie vergisst, obwohl man sie nie persönlich kannte. Ich bin in München aufgewachsen, gegenüber dem Gestapo-Hauptgebäude in der Brienner Straße, heute, seit 1982 Sitz der Landesbank. Damals, in den 60er Jahren alles Ruinen. Ich war Schülerin am Sophie-Scholl-Gymnasium. Der Platz der Opfer des Nationalsozialismus war kein Mahnmal für mich – er war der Weg zur Schule. Man glaubt irgendwann, man hat das alles eingeordnet. Man hat seinen Frieden gemacht mit der Last dieser Geschichte, die einem mitgegeben wurde, ohne dass man sie je gewählt hätte. Eine Schuld zu tragen, als Deutscher der Nachkriegszeit, die man per se gar nicht zu verantworten hatte. Bis heute. Den Tod eines Nationalstolzes zu erleben. Und dann sitzt man da, liest Artikel, schaut Aufnahmen – und es ist wieder da. Alles. Mit voller Wucht.
Dabei sind die Nürnberger Prozesse zeitgeschichtlich so aktuell wie seit Jahrzehnten nicht mehr. In einer Welt, in der Kriegsverbrechen live gestreamt werden, in der Despoten unbehelligt regieren und das Wort „Völkerrecht“ manchmal klingt wie eine Fußnote aus einer anderen Ära – da bekommt das, was im Herbst 1945 in Nürnberg begann, eine geradezu beklemmende Gegenwärtigkeit. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit wurden Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor einem internationalen Gericht verhandelt. Zum ersten Mal wurde das Prinzip aufgestellt: Niemand steht über dem Recht. Nicht einmal die Mächtigen. Gratuliere, möchte man sagen – und weiß gleichzeitig, dass das Wort selten so viel Gewicht hatte.
Jetzt kam ein Film. „Nürnberg“, inszeniert von James Vanderbilt, gestartet am 7. Mai 2026 in die deutschen Kinos – bewusst gewählt: einen Tag vor dem Jahrestag der deutschen Kapitulation. Mit Russell Crowe als Hermann Göring, Rami Malek als Psychiater Douglas M. Kelley, der die Nazi-Größen auf Prozessfähigkeit untersuchte – und mit dem Deutschen, Rudolf Heß, der neben ihnen sitzt.
Andreas Pietschmann, 1969 in Würzburg geboren, ist einer jener Schauspieler, deren Weg zur Kunst alles andere als geradlinig war. Als Jugendlicher spielte er Fußball als Stürmer bei den Würzburger Kickers, leistete Wehrdienst – und erst ein schwerer Autounfall brachte ihn zur Entscheidung, Schauspieler zu werden. Es folgte eine klassische Theaterlaufbahn: Ausbildung in Bochum, Engagements am Schauspielhaus Bochum, dann sieben Jahre am Hamburger Thalia Theater. Das Fernsehen, der Film – sie kamen später. Das internationale Publikum noch später. Den Durchbruch auf der Weltbühne brachte ihm eine Netflix-Serie, die das Geschichtenerzählen neu definierte: „Dark“, in der er von 2017 bis 2020 die Rolle des Fremden spielte – rätselhaft, schwerelos, unvergesslich.
Nun tritt er in eine andere Dunkelheit. In „Nürnberg“ spielt er Rudolf Heß, den Stellvertreter des Führers: 1941 eigenmächtig nach Schottland geflogen, jahrelang im Tower of London inhaftiert, beim Prozess Amnesie vortäuschend – direkt neben Göring sitzend. Eine schillernde, erschreckende Figur. Und eine Rolle, die einen nicht loslässt. Wir haben Andreas Pietschmann getroffen.
Wie kam es überhaupt zustande, dass Sie Rudolf Heß spielen sollten? Hat der Regisseur Sie angerufen oder mussten Sie zum Casting?
Man wird angefragt über die Agentur – in dem Fall war das meine englische Agentur, die mich vertritt. Es kam also die Anfrage, ob ich Interesse hätte, mitzuspielen und mich mal vorzustellen. Dann macht man das in der Tat so, dass man etwas einschickt, heutzutage ist das gerade bei den weiter entfernten Verpflichtungen üblich, dass man das dann als „Self-Tape“ macht. Ich habe also ein Video aufgenommen, eingesandt, und dann wollte James Vanderbilt mich kennenlernen. Wir haben telefoniert und lange miteinander gesprochen. Und dann hat er mir die Rolle angeboten.
Rudolf Heß – sprechen wir erst einmal über die Rolle oder Filmfigur.
Heß ist eine sehr bedeutende Figur innerhalb des NS-Regimes und auch in den Nürnberger Prozessen. Er hatte eine ganz besondere Biografie, vor allen Dingen waren auch die letzten Jahre vor den Prozessen wirklich sehr ungewöhnlich. Er spielt in dem jetzigen Film aber keine große Rolle. Der Film konzentriert sich auf das Verhältnis zwischen Douglas Kelley, dem Psychiater, und Göring. Wir haben zwar erheblich mehr Szenen gedreht – von seinem Bekenntnis, von seinem Widerstand im Gerichtssaal und all sowas – das hat es dann aber nicht in den Film geschafft, weil man sich auf diese Beziehung zwischen Göring und dem Psychiater konzentriert hat. Manche Szenen sind also dem Schnitt zum Opfer gefallen. Meine Beteiligung im letztlich resultierenden Film ist gar nicht so groß.
Rudolf Heß hat bei den Nürnberger Prozessen Amnesie simuliert – eine perfide Form der Selbstinszenierung. Wie nähert man sich einem Menschen an, der die eigene Psyche als Waffe einsetzt? Haben Sie irgendwann gespürt, dass Sie anfangen, ihn zu verstehen?
Na ja, verstehen... Ich habe versucht, mir seine Vorgehensweise zu eigen zu machen, beziehungsweise seine Ziele zu verstehen. Die Amnesie, die er zu Beginn der Prozesse in Nürnberg vorgetäuscht hat, hatte er ja in den Jahren zuvor schon einmal eingesetzt – in England. Er ist bereits 1941 in einer geheimen Nacht-und-Nebel-Aktion nach Schottland geflogen, um dort den Duke von Hamilton aufzusuchen und geheime Verhandlungen mit dem König zu führen, damit dieser Churchill in die Wüste schicke. Heß wollte ein Abkommen zwischen den Deutschen und den Engländern erwirken, um sich gemeinsam gegen die Bolschewisten, gegen Russland, zu wenden. Er wollte wohl einen zwei Fronten Krieg verhindern. Da wurde er inhaftiert, weil die Engländer nicht so recht wussten, was sie mit ihm machen sollten. Während seiner Gefangenschaft hat er schon über längere Zeiträume Amnesie vorgetäuscht, um eine Unberechenbarkeit herzustellen und eine Schuldunfähigkeit. Er hat auch zwei Selbstmordversuche unternommen, die beide erfolglos blieben – er hat sich einmal einen Treppenabsatz runtergestürzt und hat ein zweites Mal mit einem Buttermesser versucht, sich zu töten. Und als er dann in Nürnberg ankam, hat er wieder Amnesie vorgetäuscht. Das war wahrscheinlich ein Versuch, seine Schuldfähigkeit und Vernehmungsfähigkeit in Zweifel zu ziehen und vor allem das Gericht an der Nase herumzuführen. Denn er hat die Autorität dieses Gerichtes nicht akzeptiert – wie viele andere Nazis auch, die sagten: „Ihr habt kein Recht, uns abzuurteilen. Vor diesem Gericht haben wir uns nicht zu verantworten, sondern, wenn, dann vor einem deutschen Gericht“, – was natürlich absurd gewesen wäre. Er hat sich dann aber irgendwann umentschlossen und zugegeben, was Sache ist. Er ist aufgestanden und hat gesagt: „Das Vortäuschen von Amnesie war nur taktischer Natur. Ich bin durchaus in der Lage, dem Prozess zu folgen, ich bin in der Lage, Zeugen zu befragen, ich bin in der Lage, mich zu verteidigen – und ich bereue nichts. Ich bin froh und dankbar, unter dem größten Sohn gedient zu haben, den mein Volk in seiner tausendjährigen Geschichte jemals hervorgebracht hat. Ich bereue nichts, ich würde alles wieder so tun.“ Es gab also keine Einsicht oder Reue, und er war seiner Sinne durchaus mächtig. Und dann betrachte ich mir das als Schauspieler und versuche die Motive zu ergründen. Warum tut er das? Natürlich bietet sich ihm womöglich die Chance, zu entkommen und nicht verurteilt zu werden – insbesondere auch, weil er in den letzten Jahren des Krieges und während des Vollzugs des Holocausts gar nicht mehr in Deutschland war, sondern in England im Gefängnis saß. Er hat aber natürlich die antisemitischen Rassengesetze, die Nürnberger Gesetze von 1935, stark mitzuverantworten. Sprich: Sein Verhalten war ein eigenartiges Katz-und-Maus-Spiel. Das ist ein Charakter, der schwer zu ergründen ist, sehr erratisch – aber das ist natürlich interessant für einen Schauspieler. Es gibt Aufzeichnungen, die ich studiert habe, als er im Nürnberger Prozess sprach, es gibt auch kurze Filmaufnahmen, als er hereingeführt wurde. Da hat er wirklich ganz entrückt gespielt, als sei er von Sinnen, hat immer das Gesicht komisch verzogen, hat nicht gesprochen, hat nach vorne und nach hinten gewippt, als habe er eine psychische oder neurologische Störung. Ich habe Biografien gelesen, habe seine Stimme gehört, seine Reden und einfach möglichst viel Material angeschafft, um ein Bild zu bekommen, das ich dann versucht habe, in meiner eigenen Interpretation in die paar Szenen, die zu spielen waren, einfließen zu lassen.
Also schon auch selbst interpretiert – oder ist es nur eine Imitation von Heß?
Es muss natürlich eine Mischung dessen sein. Nur zu imitieren ist langweilig – dann kann man sich Dokumentationen anschauen. Das hängt natürlich auch immer damit zusammen, was für Szenen es zu spielen gibt. Und gleichzeitig darf man auch nicht einfach frei drauflos interpretieren. Heß ist eine Figur, die gelebt hat, in einem elementaren, die deutsche Geschichte betreffenden Zusammenhang. Er hat schwerwiegende Entscheidungen getroffen. Da kann man nicht einfach sagen: „Das mache ich mal, wie ich mir das vorstelle.“ Man muss versuchen, nah an die historische Person heran zu kommen. Und das ist, finde ich, die Aufgabe bei einer historischen Figur, über die es Dokumente gibt: dass man versucht, sie möglichst gut zu treffen. Das haben wir auch äußerlich versucht, indem man mir eine Maske gegeben hat, die mich wirklich näher an ihn herangebracht hat. Und andererseits muss ich natürlich die Szenen, die im Drehbuch sind und die nicht rein dokumentarisch, sondern auch zum Teil fiktiv sind, so interpretieren, wie ich mir die Figur vorstelle. Da ist auch mein Instinkt gefragt und meine Fantasie. Es gibt Verhörszenen durch den Psychologen, es gibt Begegnungen mit Göring und so weiter, die sind nicht dokumentiert. Da muss man versuchen, mit Hilfe des Gerüsts, das einem die Recherche und das Drehbuch geben, auch selbst kreativ zu sein und sich zu überlegen, wie könnte so eine Begegnung ausgesehen haben.
Hat sich dadurch Ihre Haltung der Person gegenüber geändert? Konnten Sie etwas nachvollziehen – oder ist er für Sie immer ein Irrer geblieben, immer nur böse?
Ich hatte natürlich vorher keine profunde psychologische Studie von Rudolf Heß vor Augen. Ich kannte den Charakter, den Nazi-Verbrecher, den Stellvertreter des Führers. Aber ihn tiefer zu ergründen und kennenzulernen – das war mir erst durch diese Rolle möglich. Man muss bei solchen Figuren eine Balance halten. Natürlich behält man als Privatperson ein Urteil über das, was er getan hat, über das, was er in die Wege geleitet hat – und gleichzeitig muss ich ihn für mich nachvollziehbar machen. Denn sonst ist es nicht echt. Wenn ich einfach nur demonstrativ hinstelle, was ich tue, ohne dass es wurzelt in der Figur und in den Emotionen dieses Menschen, den ich spiele, dann ist es platt und Oberfläche und niemand wird es glauben. Sprich: Ich muss eine Verwurzelung schaffen. Und dadurch entsteht bei mir als Spieler natürlich auch ein Verständnis über die Abläufe innerhalb einer Figur – aber das ist ja keine Befürwortung. Das heißt nicht, dass man ihr Verhalten nicht auch verurteilt. Man muss sich fragen: Was ging in dem Mann vor? Er war ja ein Einzelgänger und, im wörtlichen Sinne, ver-rückt – er hatte eine verschobene Wahrnehmung und eine verschobene Lebensauffassung. Er hat nicht an die Schulmedizin geglaubt, er hat eine homöopathische Klinik mit Naturheilmethoden gegründet. Deswegen hat er auch medizinische Versorgung abgelehnt. Und nach den Urteilen – er wurde ja nicht zum Tode verurteilt, kam nur lebenslänglich ins Gefängnis – war er in Spandau noch lange inhaftiert und hat sich auch dort ziemlich isoliert. Die anderen Inhaftierten fanden ihn alle wunderlich. Er ist immer nur auf sich beschränkt geblieben. Und hat dann schließlich, im Alter von über 90 Jahren, nach insgesamt 46 Jahren Gefängnis, Selbstmord begangen. Das sind schon sehr ungewöhnliche Schnittpunkte und Ereignisse in einem Leben. Das muss man studieren und versuchen zu verstehen – und da kommt man dem Charakter näher.
Und wie schwer ist es, nach einem Drehtag aus einem derartigen Charakter wieder auszusteigen? Der Prozess an sich macht ja auch was mit einem.
Ja, das ist richtig. Es ist zwar einerseits mein täglich Brot – aus den Figuren, die ich spiele, wieder herauszufinden. Es gibt ja nicht nur Nazis, es gibt ja viele andere Figuren: positive Figuren, anders geartete Verbrecher, Trauernde, die, die Katastrophen erleben. Ich muss mich da auch wieder heraus begeben können – also sagen können: „Okay, das war jetzt das – aber jetzt ziehe ich das Kostüm aus, jetzt schminke ich mich ab, und dann lasse ich diese Figur auch in der Garderobe und gehe in mein Privatleben zurück und bin ein anderer.“ Das geht auch. Das funktioniert. Mir ist das auch ganz wichtig, das Privatleben soll von meinen Rollen möglichst unberührt bleiben. Nun ist aber natürlich die deutsche Geschichte, die Geschichte des Landes, in dem ich geboren wurde, und all das, was vor gut 80 Jahren passiert ist, eine wirklich besondere. Es sind fürchterliche und verbrecherische Dinge geschehen, die man nicht so einfach abstreifen kann, wenn man an einem Film darüber arbeitet. Das berührt mich. Verstärkt noch dadurch, dass wir in diesem Film mit vielen Kollegen aus den USA und aus anderen Ländern zusammengearbeitet haben – und in Ungarn gedreht wurde. Das heißt: Das, was verhandelt wird, was du mit deiner Figur spielst, der Inhalt des Films, wird nicht nur über deine eigene Empfindung gespiegelt, sondern auch über das Empfinden der Kollegen. Du siehst, wie sie darauf reagieren, du siehst, wie sie damit umgehen – und das macht schon nochmal was mit dir, als Deutschem. Da sind zum Beispiel im Zuge des Prozesses dokumentarische Originalaufnahmen aus den befreiten Konzentrationslagern gezeigt worden – wo Leichenberge von Bulldozern vor sich her geschoben werden. Diese Aufnahmen sind uns in Deutschland geläufig, weil der Versuch unternommen wurde, eine Aufarbeitung zu schaffen, und wir schon als Kinder, als Jugendliche damit konfrontiert wurden und das regelmäßig wieder werden. Das sind für uns relativ vertraute Bilder. Das ist auch notwendig. Deswegen mache ich bei solchen Filmen auch mit – weil ich es wichtig finde, diese Erinnerung wach zu halten. Aber diesen vielen Kollegen aus dem Ausland sind diese Aufnahmen nicht so bekannt wie uns. Und wenn du dann merkst, wie sie darauf reagieren – mit welchem Schock, mit welcher Ernüchterung, mit welchem Entsetzen – und sie dann fragen: „Wusstet ihr das, kanntet ihr das?“ Und du sagst: „Ja, wir sehen das häufig, seit wir Kinder waren.“ Und sie dann überrascht sind. Dann kannst du dich nicht so schnell und so leicht davon trennen und sagen: „Jetzt gehen wir alle ein schönes Stück Kuchen essen.“ Das dauert schon eine gewisse Zeit – das ist klar.
Könnte es nach Ausstrahlung des Filmes passieren, dass Sie zum Bäcker gehen und man Sie als Rudolf Heß wahrnimmt? Also dass man Sie mit der Rolle verwechselt?
Nein, das glaube ich nicht in diesem Fall, weil ich mich für diesen Film äußerlich schon sehr verändert habe durch die Maske. Er hatte extrem buschige Augenbrauen und ich habe vom großartigen englischen Maskenteam eine Perücke bekommen mit viel dunkleren Haaren und Glatze. So sehe ich im Alltag nicht aus.
Wie war das, neben Russell Crowe zu sitzen – also neben einem Schwergewicht, schauspielerisch wie auch im Film, neben Göring selbst? Hat das irgendetwas mit Ihnen gemacht?
Man trifft ihn natürlich nicht alle Tage und es war großartig, ihn bei der Arbeit zu beobachten. – man ist vielleicht im ersten Augenblick ein bisschen nervös. Weil das ein Schauspieler ist, den man schon seit vielen Jahren kennt und aus der Ferne bewundert hat und der einem Respekt eingeflößt hat. Das gilt natürlich genauso für Rami Malek, Michael Shannon und die vielen anderen, die dabei sind. Richard E. Grant war auch dabei – ein wirklich toller Schauspieler. Aber die Nervosität vergeht ganz schnell. Denn dann spielst du miteinander, du arbeitest miteinander. Du merkst das Interesse auch an dir und an den Kollegen. Man schwitzt miteinander, man friert miteinander, man echauffiert sich, man versagt zusammen, es gelingt einem was – Dann spielt das keine Rolle mehr. Das ist wie wenn man beim Sport außer Atem gerät und dann ist es egal, neben wem man da rennt. Darüber hinaus waren das einfach alles sehr geerdete Kollegen und Kolleginnen. Auch Russell hatte einfach ein großes Interesse an uns deutschen Kollegen, hatte viele Fragen und ließ sich gerne beraten in den deutschsprachigen Szenen. Es herrschte eine große Offenheit und der Versuch von allen – genauso Rami Malek –, sich auf Augenhöhe zu begegnen. Und deswegen war das eine schöne Arbeit.
Sie kommen aus Franken, sind 1969 geboren – haben Sie die Nachwehen des Krieges noch erlebt?
Ich komme aus Würzburg. Ich erinnere mich, dass ich als Kind noch durch eine Stadt lief, mit meiner Familie, in der Häuser kaputt waren, in der es immer wieder Häuserschluchten gab, wo einfach nur Trümmer lagen. Und ich erinnere mich auch an viele freie Flächen im Vergleich zu dem Stadtbild, das es heute gibt, weil das dann natürlich wieder zugebaut wurde. Ende der 1960er, Anfang der 70er Jahre – da waren die Städte natürlich noch nicht vollends wieder hergestellt. Und gleichzeitig spürte ich das Bewusstsein um mich herum: Das, was jetzt 25-30 Jahre zurückliegt, ist das schlimmste Kapitel, das man jemals erlebt hat und was in der Menschheit jemals angerichtet wurde. In diesem Bewusstsein bin ich in den 1970er Jahren aufgewachsen. Das wurde mir quasi beigebracht.
Das Magazin hat dieses Mal den Heftschwerpunkt „Gratuliere!“. Das passt auf den ersten Blick nicht wirklich mit den Nürnberger Prozessen zusammen – auf der anderen Seite schon, weil diese den Beginn des Völkerrechts markieren. Ist das irgendetwas, worauf man stolz sein kann? Auch angesichts der täglichen Nachrichten?
Eigentlich wäre der Welt zu gratulieren dazu, dass man es jemals geschafft hat, so etwas wie ein internationales Völkerrecht zu schaffen. Und Sie haben recht, dass das natürlich der Startschuss war – weil dort zum ersten Mal der Versuch unternommen wurde, ein international anerkanntes Recht zu sprechen, das Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen ahndbar macht. Und deswegen haben sich damals die Alliierten – die Russen, die Franzosen, die Engländer und die Amerikaner – unter der Führung von Robert R. Jackson, dem amerikanischen Ankläger, zusammengetan. Und dann hat man tatsächlich dieses internationale Recht gesprochen und die Kriegsverbrecher daraufhin verurteilt: Der Beginn eines internationalen Völkerrechts. Das war der Startschuss. Dadurch ist überhaupt der Gerichtshof in Den Haag und all das entstanden. Aber wie wird dieses Völkerrecht tatsächlich befolgt? Welchen Einfluss hat es heute? Wer fühlt sich daran gebunden? Wir sprechen immer davon, dass das ein Standard, ein Maßstab sei, an den sich gehalten werden muss. Nur – hält man sich wirklich daran? Leider scheinen viele Länder eine ganz eigene Interpretation davon zu haben, was das Völkerrecht bedeutet und letzten Endes spürt man dann doch eine ziemliche Ohnmacht. Ich will es dadurch nicht kleinreden – ich finde es sehr wichtig, dass es das gibt. Aber angesichts der aktuellen Nachrichten fällt es einem schwer, sich dazu zu gratulieren, ehrlich gesagt.
Zu was könnte man Ihnen persönlich, beim Film selbst,
gratulieren?
Ich weiß nicht, oft scheint mir, als Schauspieler ist es der beste Preis, wenn man das Glück hat, über viele Jahre hinweg – im besten Fall über eine ganze Karriere von dem Beruf zu leben und gegebenenfalls seine Familie damit ernähren zu können. Denn das ist nicht unbedingt selbstverständlich, dass man über eine lange Zeit Rollen bekommt. Und ansonsten bin ich in der Tat froh, an diesem Film beteiligt gewesen zu sein – auch wenn mein Anteil überschaubar ist. Denn ich finde ihn wichtig. Auch wenn er nur einen Teil der Prozesse betrachtet, nämlich die Beziehung zwischen dem Psychologen Kelley und Hermann Göring – man hat sich auf eine sehr fundierte, demütige Art und Weise mit diesem Thema auseinandergesetzt und der Film beleuchtet sehr interessante Aspekte des Prozesses. Es geht in persona von Hermann Göring um Eitelkeit, um mangelndes Schuldbewusstsein, um Manipulation, um Uneinsichtigkeit – gekoppelt mit den Gefühlen eines liebenden Familienvaters. Das sind vielschichtige Strukturen einer Figur, die da wirklich gut gegenübergestellt werden. Mir ist es wichtig, die Erinnerung an die Zeit unter dem NS – Regime wach zu halten, und zu mahnen. Es gibt so viele Tendenzen in unserem Land, die gerne vergessen möchten, die gerne sagen: „Das muss man doch jetzt mal abschließen.“ Aber nein – das dürfen wir nicht. Die Mahnung muss aufrecht erhalten werden, um das Bewusstsein zu wahren und ein Umfeld zu schaffen, in dem sich so etwas nie wieder wiederholen kann. Ich glaube an das Bekenntnis zum „Nie-Wieder“.
Text und Interview: Elke Bauer
Foto: ©Paul Zimmer