Es ist eines der kürzesten Wörter der deutschen Sprache. Zwei Silben, fünf Buchstaben, ein Atemzug. Und dennoch – oder vielleicht genau deshalb – gehört es zu den am selten wirklich gemeinten. Man sagt Danke, weil man es sagt. Weil es erwartet wird. Weil man es gelernt hat. Dankbarkeit als Reflex. Als Höflichkeitsgeste. Als soziales Schmiermittel. Zur Floskel verkommen. Dabei wäre sie, richtig gemeint, eine der radikalsten Haltungen, die ein Mensch einnehmen kann.
Aber beginnen wir ganz am Anfang. Die Sonne scheint, es regnet, man spürt die Regentropfen auf der Haut. Das Leben ist schön. Kinder feiern das – und sie sind auch die ersten, die heulen, wenn es mal nicht so ist. Dankbarkeit ist ganz klar eine Frage des Alters, der Reife. Dankbar zu sein, für Limitierungen, für ein Nein, für Fehlschläge oder sogar Schicksalsschläge, erfordert Weitsicht, Geduld und haufenweise Erfahrung.
Zugegeben, die meisten von uns sind unzufrieden. Es gehört einfach zu unserem Habitus. Regnet es, sehnen wir uns nach Sonne. Brennt die Sonne, wollen wir Schatten. Wir suchen ein Dazwischen, das sich kaum je einstellt. Und wer immer nur sieht, was fehlt, übersieht, was da ist. Dass ab und zu die Sonne scheint. Dass das Dach hält. Dass man morgens aufwacht. Und dann – später – kommt die andere Dankbarkeit. Die für das, was nicht geklappt hat. Den Job, den man nicht bekommen hat. Die Beziehung, die nicht gehalten hat. Den Weg, der sich versperrt hat. Im Moment fühlt es sich nach Verlust an. Irgendwann dreht sich die Perspektive. Und man versteht: Auch das Nein war eine Form von Fürsorge.
Dankbarkeit für das Gute ist leicht. Dankbarkeit für das vermeintlich Schlechte ist hohe Kunst. Einatmen. Ausatmen. Danke. Es wäre so einfach.
Aber lassen wir MediaMarkt-Gründer Walter Gunz erst einmal seine eigenen Gedanken formulieren, bevor wir mit unseren Fragen an ihn herantreten. Sie alle kennen ihn und sein Werk – schon so oft hat er uns mit seinen Gedanken den Weg erhellt, seit wir mit ihm über das Echte und das Falsche gesprochen haben. Lauschen wir ihm kurz. Denn Zuhören ist ebenso ein Akt der Dankbarkeit.
Walter Gunz: Liebe Elke, das ist eine schöne Idee, mit dem Atem den Dank zu verbinden. Schon Goethe formulierte: „Im Atemholen sind zweierlei Gnaden.
Die Luft einziehen, sich ihrer entladen.
Jenes bedrängt, dieses erfrischt.
So wunderlich ist das Leben gemischt."
Du danke Gott, wenn er Dich presst,
Und danke ihm, wenn er Dich wieder entlässt.“
Den Dank für unser Dasein, in dieser Welt, schulden wir Gott. Dank ist nicht nur Haltung, sondern auch ein Akt. Wahrer Dank kommt nicht aus Überlegung oder Berechnung, wahrer Dank entsteht immer im Herzen. Erst im Akt der Wiederholung des Dankes entsteht eine Haltung. Sie ist nicht zwangsläufig. Dankbarkeit hat Bewusstsein zur Voraussetzung. In der modernen psychologischen Forschung hat man sogar erkannt, dass Dankbarkeit zu Wohlbefinden und Gesundheit führt. Wenn wir uns bewusst werden, dass nichts selbstverständlich ist, kommen wir zu einem inneren Wissen, dass alles ein Geschenk ist.
Der Gegenpol wäre die Erwartung. Sie führt meist nicht zu Dank, sondern eher zu Enttäuschung. Eine innere Haltung des Nichtbewertens und des Nichturteilens führt zur Dankbarkeit dessen, was einem begegnet.
Ein großes Hindernis für die Dankbarkeit ist unser Ego. Das Ego will beherrschen und kontrollieren. Das schließt eine Dankbarkeit a priori aus. Dankbarkeit führt zum guten Handeln, zur Hoffnung und zur Freude an den kleinen Dingen. Dankbarkeit führt zum wahren Sein im Hier und Jetzt. Dankbarkeit erhebt sich weit über die Ebene der Intellektualität. Dankbarkeit führt zu Vertrauen, zu Liebe, zu Treue. Wahre Dankbarkeit entsteht, wie Liebe, im Herzen.
Schon in der Bibel finden wir mehrfach den Aufruf zur Dankbarkeit. Im Vertrauen auf Gottes Treue entsteht Dankbarkeit. Dankbarkeit entsteht auch, wenn wir mit dem Herzen sehen, wie der kleine Prinz von Exupéry erzählt.
Vielen Dank für dieses Vorwort, lieber Walter. Lass uns ein wenig einhaken: der Philosoph Martin Buber schrieb: „Der Mensch wird am Du zum Ich.“ Ohne ein Du also kein Ich. Das Erkennen des Anderen ist somit der reinste Akt der Dankbarkeit – weil man dem anderen damit zugesteht, dass er es ist, an dem man selbst erst zu sich wird?
Nicht nur der Mensch wird am Du zum Ich, wie Buber schreibt, sondern ein noch viel tieferes Geheimnis offenbart sich in der Begegnung des Menschen mit Gott. Der Mystiker Rumi ließ Gott sprechen: „Ich war ein verborgener Schatz und wollte erkannt werden, deshalb habe ich die Welt erschaffen.“ Erst im Gegenüber erkennen wir uns. Es ist ein tiefes Geheimnis dem Heissenberg auf die Spur gekommen ist, dass die Trennung von Subjekt und Objekt eigentlich eine Illusion ist. So besteht der ganze Sinn der Schöpfung in den Begegnungen. Den Begegnungen zwischen Gott, den Menschen, den Tieren, den Pflanzen, den Steinen, der Natur, der ganzen Schöpfung. Erst in der liebenden Begegnung erkennen wir uns. „Tat twam asi“ heißt sie im Hinduismus, die Auflösung von Ich und Du. Es ist die Einheit von allem, von Gott dem Menschen und der Schöpfung.
Wer es weit gebracht hat, weiß, wenn er ehrlich ist, dass er es nie allein geschafft hat. Größe ist kein Soloprojekt. Sie braucht Gegenüber, die sie erkennen, und Wegbereiter, die sie erst möglich machen. Musstest Du auf Deinem Weg nach ganz oben Menschen zurücklassen?
Zurücklassen musste ich niemanden auf meinem Weg, aber die menschliche Freiheit bringt es mit sich, dass jeder „seinen Weg“ sucht.
Du sagst, das Ego will beherrschen und kontrollieren, und schließt Dankbarkeit a priori aus. Das Ego reist also lieber ohne Gepäck. Aber jedes Gepäck, das man abwirft, muss ja irgendwo bleiben.
Zu dem verlorenen Gepäck kann ich nur sagen: jeder macht Fehler und wird schuldig. Jeder hinterlässt Unvollendetes und Dinge, die er hätte besser machen können. Aber was wäre die Gnade und Barmherzigkeit Gottes ohne unsere Schuld. Wären wir Engel, so wäre sie überflüssig. So können wir hoffen, dass uns unsere Fehler verziehen werden.
Du beschreibst das Ego als das größte Hindernis der Dankbarkeit, weil es beherrschen und kontrollieren will. Aber ist nicht auch die Sehnsucht nach Dankbarkeit selbst noch ein Wunsch des Ichs – der Wunsch, ein guter, dankbarer Mensch zu sein? Kann man diesem letzten Zirkel überhaupt entkommen?
Wahre Dankbarkeit ist immer umsonst, wie auch wahre Liebe immer umsonst ist. Die Rose kennt kein Warum, sie blüht weil sie blüht. Wenn mit der Dankbarkeit ein „um - zu“, also eine Erwartung verbunden ist, ist sie nur Zweck und keine wahre Dankbarkeit.
Du sagst, Erwartung sei der Gegenpol zur Dankbarkeit – sie führe meist zu Enttäuschung statt zu Dank. Als Unternehmer lebt man aber von Zielen, Erwartungen, Planung. Wie hast Du es geschafft, trotzdem in dieser Haltung des Nichtbewertens zu bleiben – gerade in den Jahren, in denen MediaMarkt zu einem der größten Elektronikhändler Europas wurde?
Diesen Moment des Blickes gab es, sogar des Öfteren. Ein schönes Beispiel sind die Bewerbungsgespräche für den Posten des Geschäftsführers eines MediaMarktes gewesen. Bisweilen saß der Kandidat in seiner Unsicherheit da und fragte: „Herr Gunz, kann ich das denn eigentlich? Trauen Sie mir das zu ?“ „Natürlich können Sie das“, sagte ich ihm dann. Meine Hoffnung und mein Vertrauen führten auch bei ihm zu einer inneren Wende und er nahm die Aufgabe dankbar an. Die Ziele, die ich als Unternehmer hatte, haben sich vielleicht deshalb erfüllt, weil wir unsere Arbeit geliebt haben.
Du zitierst Goethe: Man danke Gott, wenn er einen presst, und danke ihm, wenn er einen wieder entlässt. Gab es in Deinem Leben eine Phase des Gepresstwerdens, für die Du erst im Rückblick dankbar werden konntest?
Natürlich gab es viele Situationen des Gepresstwerdens. Oft war Hiob bei mir zu Gast, oft wurden mir Dinge genommen. Später wurde mir oft erst ganz klar, dass es gut für mich war. Ein „Nein“ kann auch eine Form von Fürsorge sein, sagst Du. Das erinnert mich an eine der schwierigsten Vorlesungen von Prof. Ulrich „Gottes Nein als Ja lesen“. Ein liebender und fürsorglich behütender Gott gönnt uns alles und verwehrt uns nichts. Nicht immer können wir uns die Gründe für ein Scheitern erklären. Oft bleiben sie verborgen, manchmal erkennt man im Rückblick, dass es eine Gnade war, dass etwas, was man so dringend wollte, nicht geklappt hat.
Du sagst, wahre Dankbarkeit entstehe wie Liebe im Herzen, nicht im Verstand. Gibt es dann überhaupt einen Unterschied zwischen einem Menschen, der liebt, und einem Menschen, der dankbar ist – oder sind das am Ende zwei Namen für dasselbe?
Ein Unterschied zwischen einem Menschen der liebt und einem der dankbar ist, gibt es nicht. Liebe führt zu Dankbarkeit und Dankbarkeit zu Liebe.
Du hast einmal gesagt, echt zu sein, sei Dein eigentliches Lebensthema – dass das Unechte zunähme, während wir uns immer wieder um das Echte bemühen müssten. Hängt für Dich wahre Dankbarkeit unmittelbar mit dieser Echtheit zusammen? Kann man überhaupt dankbar sein, ohne zuvor ehrlich zu sich selbst geworden zu sein?
Ja, leider nimmt das Unechte in der Welt dramatisch zu. Sein und Schein klaffen in der modernen Welt oft auseinander. Hier müssen wir uns immerwährend bemühen, nicht selbst Opfer dieser Strömung zu werden. Ehrlich zu sich selbst und zu anderen zu sein, ist eine Herausforderung. Die Dankbarkeit für jeden Moment dieses geschenkten Lebens lässt uns liebend und aufrichtig sein. Das ist dann die Basis für ein authentisches Sein.
DankbarkeitWenn Dankbarkeit, wie Du sagst, Bewusstsein zur Voraussetzung hat – kann ein Mensch dann überhaupt dankbar sein, ohne gleichzeitig zu wissen, dass er sterblich ist? Braucht Dankbarkeit am Ende die Endlichkeit, um überhaupt zu entstehen?
Hier erlaube ich mir Dir zu widersprechen: Bewusstsein ist Geist. Neshama der gute Teil der Seele. Bewusstsein ist von Gott. Geist und Seele sind ewig. Man soll nicht traurig sein um die alten Hüllen, sagt der kleine Prinz von Exupéry.
Als Christ glaube Ich an die Geborgenheit der Hand Gottes und an ein ewiges Leben. Und Gott ist auch für die da, die nicht an ihn glauben. Außerdem ist eine Reinkarnation nicht zwangsläufig. Es gibt ja auch so etwas wie ein Paradies.
Die alten Ägypter sagten, nach dem Tod wird das Herz gewogen. Entscheidend ist nicht die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft, sondern das, was wir getan, oder unterlassen haben. Eine Sehnsucht nach dem Guten, Schönen und Wahren, nach Harmonie und Liebe beflügelt unser Herz. So kommen wir auf den Weg. Der Philosoph und Professor Dr. Weinreb sagte einmal auf meine Frage, wie das nach dem Tod sei, wo doch verschiedene Religionen unterschiedliche Interpretationen des Paradieses haben, sinngemäß Folgendes: „Jeder kommt gemäß seiner Religion oder ! seiner Hoffnung dorthin, wo es gut ist, für ihn, in seinen Himmel.“